Es ist klar, dass die Sprachen verbinden, aber nur wenn wir die Sprachen verstehen. Schon vor mehr als 150 Jahren hat Gustav Langenscheidt auf einer Bildungsreise durch Europa missmutig festgestellt: „Es ist ein wahrhaft peinliches Gefühl, unter Menschen nicht Mensch zu sein und seine Gedanken nicht austauschen zu können.“ Oder anders ausgedrückt: ohne fremdsprachliche Kenntnisse bleiben uns andere Kulturen und Menschen anderer Länder verborgen.Die Mehrsprachigkeit wird im Rahmen der schulischen Ausbildung  immer mehr betont.Unserem Gymnasium ist es ein besonderes Anliegen, die Bedeutung der Mehrsprachigkeit nicht nur als Überzeugung, sondern auch als gelebte Wirklichkeit zu verstehen.

Das Gymnasium Bilikova, ist seit 1990 eine bilinguale Schule. Diese Schule hatte die besten Voraussetzungen dafür, weil sie schon seit 1977 den erweiterten Deutschunterricht hatte (also 7 Deutschstunden pro Woche statt nur 3). Kein Wunder, dass sich nach der Wende 1989 das Schulministerium an unsere Schule mit dem Angebot gewandt hatte, den bilingualen Zweig einzuführen.  Es folgten mehrere Besprechungen mit den Vertretern des österreichischen BMWUK und im September 1990 wurde mit dem 4-jährigen bilingualen Studium begonnen.Die österreichische Seite hat anfangs 6 muttersprachliche Lehrkräfte zur Verfügung gestellt: 2 für Deutsch, und 4 für die naturwissenschaftlichen Fächer – Mathematik, Chemie, Biologie und Geographie, 1991 kam noch Physik dazu. Sie arbeiteten nach einem an unserem Schulstandort erstellten und von der österreichischen Seite approbierten Lehrplan. Diese Zusammenarbeit basiert auf dem Kulturabkommen zwischen den beiden zuständigen Ministerien der slowakischen und der österreichischen Seite. Die österreichische Seite hat sich bereit erklärt, für die slowakischen Lehrer eine mehrmonatige Fachsprachenausbildung zu sichern. Man ist davon ausgegangen, dass diese allmählich die österreichischen Kollegen ersetzen. Bisher haben 6 slowakische Lehrer an der 3- bzw. 4-monatigen Fachsprachenausbildung teilgenommen (für Mathematik, Physik, Chemie und Biologie). 1991 eröffnete unsere Schule auch die 8-jährige Schulform mit der Absicht, die Schüler in den ersten vier Jahren auf den bilingualen  Zweig vorzubereiten. Um den Platz im 4-jährigen bilingualen Studium bewarben sich Schüler nach der 9. Klasse der Grundschule aus der ganzen Slowakei. Um das 8-jährige Studium bewarben sich Schüler nach der 4. Klasse der Grundschule aus Bratislava und der nahen Umgebung.

Das Verhältnis zwischen den Bewerbern und den aufgenommenen Schülern stand früher 4:1 (d.h. 4 Bewerber standen einem aufgenommenen Schüler gegenüber). In den letzten Jahren sinkt das Interesse. Den Grund dafür sehen wir in der mangelnden Sprachkompetenz der Schüler (viele Grundschulen haben mit dem Mangel an qualifizierten Fremdsprachlehrern zu kämpfen), sowie auch an dem steigenden Interesse für Englisch.  Wir hatten früher in jedem Jahrgang 2 bilinguale Klassen: eine im 4-jährigen Studium und eine im 8-jährigen Studium, in den letzte Jahren konnten wir nur 1 bilinguale Klasse eröffnen, weil viele Schüler die Aufnahmeprüfung nicht bestanden haben. Diese Prüfung besteht aus 2 Teilen: dem schriftlichen (Grammatiktest, Leseverstehen und Hörverstehen) und dem mündlichen (Bildgeschichte und freies Sprechen zu bestimmten Themen). Die Schüler können aufgenommen werden, wenn sie 70 % der gesamten Punktezahl erreicht haben. Momentan haben wir 4 bilinguale Klassen. Im Laufe des 15-jährigen Bestehens des bilingualen Zweiges unterrichteten bis heute 18 österreichische Lehrer an unserer Schule, die meistens vollbeschäftigt waren.

Es wurde ihnen von unserer Schulbehörde eine Unterkunft zur Verfügung gestellt, wobei die Kosten zur Gänze von der Schulbehörde getragen wurden. Heute haben wir keinen österreichischen Lehrer mehr, es unterrichten in den bilingualen Klassen 8 slowakische Lehrer in der deutschen Sprache:2 Deutschlehrerinnen, 2 Mathematiklehrerinnen, 1 Chemielehrerin, 1 Physiklehrer,  1 Biologielehrerin und 1 Geschichtelehrerin. Die Schüler in den bilingualen Klassen arbeiten mit österreichischen Lehrbüchern und es gibt für sie auch eine frei zugängliche deutschsprachige Bibliothek, die vom österreichischen Bundesministerium und dem Verein Kulturkontakt mit Büchern ausgestattet wurde.Der Anteil der  in deutscher Sprache unterrichteten Fächer an der Gesamtwochenstundenzahl beträgt 60 %.  Die Ausbildung endet mit der Maturaprüfung, die nach slowakischen Vorschriften durchgeführt wird, d.h. es gibt einen Fragenkatalog mit 30 Fragen, die gezogen werden. Es gibt im März eine 6-stündige schriftliche Maturaprüfung aus Deutsch und Ende Mai 4 mündliche Maturaprüfungen (2 Pflichtfächer – Deutsch und Slowakisch und 2 Wahlfächer). Aufgrund einer Übereinkunft mit der österreichischen Seite wurde 1993 ein zweisprachiges Formular des Maturazeugnisses mit slowakischen und österreichischen legislativen Klauseln ausgestellt. Die mündliche Maturaprüfung wird in der slowakischen oder deutschen Sprache abgehalten, je nach dem, in welcher Sprache der Gegenstand unterrichtet wurde.

Ein großer Vorteil ist, dass jeder Absolvent bei der Matura automatisch auch das staatliche Sprachprüfungsdiplom erwirbt.Seit der Einführung des bilingualen Studiums an unsere Schule hatten wir bis 2008/09 23 Klassen. Dieses Studium absolvierten bis jetzt 622 Schüler. In diesem Schuljahr treten zur Matura 30 Schüler an. Es muss noch gesagt werden, dass die Absolventen unserer bilingualen Schule einen sehr positiven Blick auf ihre schulische Ausbildung werfen. Sie sehen sich in ihrem momentanen Studien- und Berufsalltag durch ihre bilinguale Ausbildung viel eher gefördert als gehemmt und blicken mit Zuversicht und entsprechendem Realitätsbezug auf die vor ihnen liegende Berufsrealität. Der überwiegende Teil aller im Ausland studierenden Absolventen hat Österreich, nämlich Wien als Studienort gewählt, nur ein paar studieren in Deutschland. Zum einen wird man das durch die bessere verkehrstechnische Anbindung der Stadt Bratislava an Wien erklären können. Zum anderen mag auch die unterschiedliche ökonomische Situation in Groß- und Kleinstädten eine gewisse Rolle spielen. Viele der in Wien studierenden Absolventen pendeln täglich nach Wien, obwohl man auch beobachten kann, dass immer mehr in Wien „Fuß fassen“ und zum Wochenend-Pendler werden.Unsere Schulabgänger entscheiden sich zu etwa 60 % für die Studienrichtungen Ökonomie, Medizin und Jus. Der Rest studiert Sprachen/Dolmetsch, Technik, Psychologie und Pharmazie.

Wollen wir nur hoffen, dass sie in die Slowakei zurückkehren.Die Bildungskooperation mit Österreich hat die Wettbewerbsfähigkeit und die Reputation unserer Schule erhöht und wir wünschen uns natürlich den Weiterbestand des bilingualen Projektes an unserer Schule. 

 

Autorin: Mgr.Carmen Gughová